Zwischentöne: Lernen aus Krisen – von allen, für alle

Wir engagieren uns für die gesellschaftliche Verarbeitung von Krisen in der Schweiz. Krisen wie Corona, der Klimawandel oder der Wohnungsnotstand können Spannungen und Polarisierung verstärken und den sozialen Zusammenhalt gefährden, wenn wir sie nicht gemeinsam angehen. Wir arbeiten mit Dialogformaten. Aus persönlichen Lebensgeschichten, die von Krisen geprägt sind, entsteht eine Wanderausstellung und ein illustriertes Buch. Das lädt zu einer moderierten Dialogreihe ein. Verteilt über alle Landesteile kommen Menschen an 46 Orten ins Gespräch. Diese Erfahrungen werden zum Schluss mit Parlament und Verwaltung diskutiert – um aus vergangenen Krisen zu lernen für kommende Krisen.

Warum?

Der Grossteil der Schweizer Bevölkerung ist erleichtert, wenn Krisen ihren Alltag, ihre Entscheidungen und Diskussionen nicht (mehr) dominieren. Gleichzeitig merken Menschen hierzulande, dass Krisen unbefriedigende Spuren im demokratischen Miteinander, in der Gesellschaft oder im Freundes- und Familienkreis hinterlassen hat.

Krisen treffen Menschen nicht alle gleich. Wie gut wir durch die Coronazeit gekommen sind, wie sehr uns Wohnungsknappheit, Klimaveränderungen oder Kriege betreffen, hängt von vielen Faktoren ab. Einzelne Studien zur Coronakrise zeigen, dass Jugendliche, Armutsbetroffene, Menschen mit Beeinträchtigungen oder Migrationsbiographie besondere Hürden überwinden mussten. 

Diese unterschiedliche Betroffenheit und Chancenungleichheit müssen wir gesellschaftlich anerkennen und würdigen. Die Friedens- und Konfliktforschung zeigt, dass Krisen sonst gesellschaftliche Spannungen verstärken können, wenn sie nicht gemeinsam verarbeitet werden. In der Schweiz ist dies besonders wichtig, da die existierende Polarisierung im Vergleich sehr hoch ist.

Wieso jetzt?

Wir sind deshalb überzeugt, dass das Projekt zum richtigen Zeitpunkt kommt. Viele wollen gehört werden − und finden mangels gesellschaftlichen Prozess Halt in Verschwörungsmythen. In einschlägigen Diskussionsforen kommt dieses tiefe Bedürfnis immer wieder vor. Mit etwas Abstand zum Pandemiegeschehen oder anderen Krisenmomenten ist das Thema nicht mehr so aufwühlend − menschliche Begegnung und differenzierter Dialog werden wieder möglich.

Was sagen andere zu unserer Idee?

Als interessant bezeichnet Mitte-Nationalrätin Elisabeth Schneider-Schneiter das Projekt. «Die Pandemie haben wir supergut überwunden. Jetzt müssen wir ‹Krise lernen›.» Die Schweiz sei als erfolgsverwöhntes Land darin nicht geübt. Quelle: Züri Today

Die Gräben, die in der Pandemie entstanden seien, seien knapp gekittet worden, sagt Grünen-Nationalrätin Katharina Prelicz-Huber. «Gewisse fundamentalistische Ideen haben dagegen an Zulauf gefunden.» Auch in der Politik falle ihr auf, dass die Diskussionen polarisierender als früher verliefen. «Daher unterstütze ich alle Prozesse zugunsten des friedlichen und konsensorientierten Umgangs in der Gesellschaft sehr». Quelle: Züri Today

Wie soll das funktionieren?

Um die gesellschaftspolitische Verarbeitung von Krisen konstruktiv zu unterstützen, braucht es nationale und ergebnisoffene Dialog- und Partizipationsprozesse, wo Menschen mit ihren unterschiedlichen Erfahrungen gesehen und gehört werden. Diese Prozesse müssen in der Schweizer Bevölkerung verankert sein und Räume bieten, um unterschiedliche persönliche Betroffenheiten gemeinsam zu verarbeiten. Viele nehmen an der hoch polarisierten Debatte zu Krisen nicht teil, weil sie befürchten, mit Aussagen in das eine oder andere politische Lager gesteckt zu werden. Dieses Projekt bietet Raum für alle, sich zu Krisen zu äussern, weil es explizit aus der Zivilgesellschaft kommt und nicht politisch motiviert ist. Wir schauen auch über den Schweizer Tellerrand und lassen wichtige Lernerfahrungen aus der Konfliktbearbeitung im Globalen Süden und aus Nachbarländern einfliessen. Als Initialzündung für eine neue offene und innovative Dialog-Kultur in der Schweiz geben diese Partizipationsprozesse Impulse für die Politik und gelebte Demokratie.

… und konkret?

Die “mündliche Geschichte” der Schweizer Krisen- und Konfliktfähigkeit in 246 Erzählungen. 246 Personen, welche die Schweizer Bevölkerung möglichst gut abbilden, dokumentieren über die Oral History Methode ihre Krisenerfahrungen. Menschen werden nach Kriterien ausgewählt, um die Bevölkerung in ihrer regionalen, sozialen und politischen Vielfalt repräsentativ abzubilden. Diese Erzählungen werden ergänzt von einer Diskursanalyse auf den sozialen Medien und einer systemischen Konfliktanalyse zu den sozialen Spannungen und Konfliktthemen rund um Krisen. Die mündlichen Geschichten werden verschriftlicht und als illustriertes Buch aufbereitet, um der Bevölkerung damit ein Zeitzeugnis von Krisenzeiten zur Verfügung zu stellen. Weitere Formate wie Illustrationen oder künstlerische Interpretationen für breiten, nicht-schriftlichen Zugang werden angestrebt. Zusätzlich werden Ausschnitte daraus und aus der Polarisierungsanalyse in einer Wanderausstellung “Schweiz & Krise – 246 Geschichten” aufbereitet, welche (wo gewünscht) auch mit Fotos der Erzählenden bebildert wird.

Dialogprozesse von der lokalen bis zur nationalen Ebene. Eine Dialogreihe auf lokaler Ebene in 46 Orten der Schweiz lädt die Bevölkerung ein, ihre Erfahrungen und Einschätzungen zu teilen. Diese Einsichten werden auf der regionalen Ebene zusammengeführt, und dann im Abschluss nationalen politischen Vertreter:innen präsentiert. Zuerst kommt eine kleine Gruppe Freiwilliger aus dem Oral History-Prozess kommt zusammen, um auf der Grundlage der Erkenntnisse aus diesem Prozess die lokalen, regionalen und nationalen Zuhörprozesse im Detail auszugestalten. In 46 Orten (zwei pro Kanton) finden im Abstand von einigen Wochen zwei jeweils halbtägige Zuhörformate statt, die Menschen aus der jeweiligen Region einbinden. Die Wanderausstellung wird von Ort zu Ort getragen und dient als Diskussionsanstoss. Erkenntnisse aus einzelnen Orten werden dann wiederum zum nächsten Ort weitergetragen. Nach Abschluss der lokalen Dialogreihe werden die Resultate überregional von Vertreter:innen der jeweiligen Orte zusammengetragen, in sieben verschiedenen sprachlich sortierten Unterregionen: drei in der Deutschschweiz, zwei in der Romandie, und jeweils eine im italienisch- und romanischsprachigen Teil der Schweiz. Diese analysieren Gemeinsamkeiten und regionale Unterschiede. Vertreter:innen aus den sieben Regionen bringen die Resultate zusammen in Bern, wo sie gemeinsam an die Politik getragen werden. Verschiedene Runde Tische mit Parlamentarier:innen und Behördenvertreter:innen dienen dazu, aus den Erfahrungen und Einschätzungen der Bevölkerung zu vergangenen Krisen Lektionen abzuleiten für kommende Krisen.

Wer steckt dahinter?

Der Anstoss zum Projekt kommt von Claudia Meier und Cordula Reimann. Wir haben langjährige Erfahrung in der Dialoggestaltung mit zivilgesellschaftlichen Organisationen, Verwaltung und Politik im In- und Ausland. Wir verfolgen keine parteipolitische Agenda und verstehen uns als Brückenbauerinnen. Wir setzen uns beide dafür ein, verschiedene soziale Schichten und politische Milieus in gesellschaftliche und politische Prozesse einzubinden. Deshalb schauen wir mit Sorge auf die wachsende Polarisierung und auf das zerschlagene soziale Geschirr aus der Coronazeit, das jetzt in der Schweiz unter den Teppich gekehrt wird − und möchten die Chance nutzen, gemeinsam aus dieser Zeit zu lernen.  

Das Projekt ist in den Vereinen ge-schicht-en und Build Up verankert. 

ge-schicht-en zielt darauf ab, das Bewusstsein für generationenübergreifende Prägungen und deren Folgen für die Gesellschaft zu stärken. Ge-schicht-en publiziert Bücher zum Thema, und organisiert Events und Ausstellungen. Cordula Reimann ist Präsidentin des Vereins. Sie hat einen Hintergrund in Prozess- und Dialogbegleitung, Mediation und Coaching und leitet core. Während der Coronakrise gründete Cordula die “Fachstelle Dialog und Partizipation”, um Kommunikations- und Deeskalationsstrategien zu entwickeln.

Build Up ist eine seit 2015 weltweit tätige Nichtregierungsorganisation, die sich für effektive Konfliktbearbeitung im digitalen Zeitalter einsetzt. Wir nutzen digitale Technologien in unserer friedensfördernden Arbeit und haben ein tiefes Verständnis für die Auswirkungen von Technologien auf Konfliktdynamiken und Polarisierung. Als Leiterin Europa bei Build Up bringt Claudia Meier ihre weltweite Erfahrung in Konfliktbearbeitung ein, um in Europa zum sozialen Zusammenhalt beizutragen. Früher leitete sie das Global Public Policy Institute (GPPi) und war bei Interpeace in Afrika und bei den Vereinten Nationen tätig. 

Kontaktiere uns!

Hast Du Ideen, Feedback oder Interesse, das Projekt mitzufinanzieren? Kontaktiere uns! claudia(at)howtobuildup.org und cr(at)corechange.ch.